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Unser ObstUnsere Zukunft Faire Bedingungen

Eine bundesweite Aktion der Fachgruppe Obstbau

Ab 8. Oktober in ganz Deutschland

So wenig von dem Obst, das wir in Deutschland essen, kommt aus heimischem Anbau.

Und dieser Anteil schrumpft weiter. In den letzten zehn Jahren ist fast die Hälfte der deutschen Freilandfläche für Erdbeeren verschwunden. Auch bei den Apfelbäumen fehlt der Nachwuchs: In den vergangenen Jahren wurden viel zu wenig Obstanlagen erneuert. Und jedes Jahr geben mehr als 150 Obstbaubetriebe ganz auf.

Betriebe mit Baumobstanbau: 7.167 (2017) → 6.510 (2022) · Destatis · danach hochgerechnet

Etwa alle zwei Tage
verschwindet
ein Obstbaubetrieb

Manche geben ganz auf. Andere verkleinern ihre Flächen. Investitionen werden zurückgestellt. Und immer öfter stellt sich bei der nächsten Generation die Frage, ob sie den Betrieb überhaupt noch übernehmen kann.

Was verloren geht, lässt sich nicht einfach zurückholen. Obstbau braucht Flächen, Fachwissen, Investitionen – und Jahre, bis neu gepflanzte Bäume Ertrag bringen.

Es geht um die eine einfache Frage:

Hohe Standards.
Hohe Kosten.

Ob Äpfel, Kirschen, Erdbeeren, Heidelbeeren oder Zwetschen: Obst aus deutschem Anbau konkurriert täglich mit Importware.

Doch die Bedingungen sind nicht dieselben. Deutsche Betriebe produzieren unter hohen Qualitäts-, Umwelt- und Sozialstandards. Gleichzeitig steigen ihre Kosten. Für Energie und Betriebsmittel. Für Bürokratie und Auflagen. Und vor allem für Arbeit.

Das wiegt im Obstbau besonders schwer. Denn vieles ist Handarbeit.

  • Bäume schneiden.
  • Pflanzen pflegen.
  • Früchte ausdünnen.
  • Ernten.

Besonders in den wenigen Wochen der Saison werden dafür viele Arbeitskräfte gebraucht.

Gleiche Ware.
Ungleiche Bedingungen.

Am Ende liegen heimisches Obst und Importware nebeneinander im Regal.

Doch produziert wurden sie häufig unter unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen. Deutsche Betriebe können ihre steigenden Kosten nicht einfach über höhere Preise weitergeben. Gleichzeitig müssen sie sich gegen Anbieter behaupten, die vielfach günstiger produzieren können.

Das setzt die heimischen Betriebe immer stärker unter Druck.

Und es hat Folgen.

Heimisches Obst braucht faire Bedingungen

Wer heimisches Obst auch morgen noch will, muss seine Produktion heute möglich machen.

Dazu braucht es:

  • Regeln für Saisonarbeit, die zum Obstbau passen
  • weniger bürokratische Belastung
  • verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen
  • Planungssicherheit für langfristige Investitionen
  • auskömmliche Preise

Es geht nicht darum, Standards aufzugeben.

Die Obstbaubetriebe

Was wirtschaftlicher Druck für einen Obstbaubetrieb bedeutet, erzählen diejenigen am besten, die ihn jeden Tag erleben.

Obstbäuerinnen und Obstbauern aus verschiedenen Regionen Deutschlands berichten von steigenden Kosten, schwierigen Entscheidungen und der Frage, ob ihre Betriebe noch eine Zukunft haben.

Ab 8. Oktober zeigen sie in vielen Regionen Deutschlands anhand ihrer ganz persönlichen Geschichte, was das für den deutschen Obstbau bedeutet.

Übersichtskarte

Schleswig-Holstein

Der Supermarkt ist nicht meine Zukunft
Henning Harms

Krempdorfer Obsthof

Adresse
Dorfstr. 61, 25376 Krempdorf
Termin
Do., 8. Oktober14–17 Uhr
Stand
Auf dem eigenen HofDorfstr. 61, 25376 Krempdorf
Presse
Henning Harms
„Da findet die Wertschöpfung irgendwo anders statt.“

Henning Harms ist 37 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Tochter. Seit 2014 führt er den Familienbetrieb. Schwerpunkt sind Äpfel und Süßkirschen, dazu kommen Birnen, Zwetschen und Kürbisse. Was sich verändert hat, beschreibt Harms nüchtern. Die Konsequenz ist trotzdem deutlich: Sein Betrieb zieht sich immer stärker aus dem klassischen Handel zurück.

Früher lag der Schwerpunkt beim Apfel und in der indirekten Vermarktung. Heute setzt Harms auf mehr Kulturen, mehr Sorten – und vor allem auf Direktvermarktung. Mehr als die Hälfte der früheren Apfelfläche ist inzwischen verschwunden. Auch bei bekannten Apfelsorten wie 'Elstar' oder 'Gala' und Süßkirschen gilt: Angebaut wird möglichst nur noch so viel, wie sich selbst vermarkten lässt. „Im Moment sehe ich da nicht meine Zukunft“, sagt Harms über den Verkauf über Supermärkte.

Denn dort bleibt für den Erzeuger oft zu wenig übrig. Bei Äpfeln, sagt Harms, sei der Auszahlungspreis für ihn „knapp überlebensfähig“, während im Supermarkt ein deutlich anderes Preisschild stehe. „Da findet die Wertschöpfung irgendwo anders statt.“ In der Direktvermarktung dagegen hat er zumindest weitgehend die Hoheit über den Preis.

Doch dieser Ausweg funktioniert nicht für alle. Harms liegt außerhalb eines klassischen Obstbaugebiets und kann Hofladen und Verkaufsstände nutzen. In Regionen, in denen Obstbaubetrieb neben Obstbaubetrieb liegt, lässt sich nicht die gesamte Ernte direkt verkaufen. Seine Einschätzung ist klar: „Ich glaube nicht, dass das jeder kann. Dann wird es weniger werden.“

Gleichzeitig wächst der Druck. Saisonarbeitskräfte sind schwerer zu finden und bei den heutigen Löhnen schwieriger zu bezahlen. Früher reichten wenige Telefonate, um eine Mannschaft zusammenzubekommen. Heute ist deutlich mehr Aufwand nötig – und selbst dann ist nicht sicher, ob alle kommen und bis zum Ende der Saison bleiben. Auch der Mindestlohn, sagt Harms, „macht mir zu schaffen“. Zugleich ist die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln ein großes Problem.

Hinzu kommt das Wetter. Hagel, steigende Temperaturen und die Wasserverfügbarkeit machen den Anbau unsicherer. Beim Apfel sieht Harms derzeit die größten klimatischen Herausforderungen.

Harms will weitermachen. Aber nicht mehr nach dem alten Prinzip: je größer, desto besser. Sein Betrieb passt sich an, reduziert Flächen und sucht sich die Nischen, in denen noch auskömmliche Preise möglich sind. Die Frage ist nur: Wie viele Betriebe können diesen Weg überhaupt gehen?

Brandenburg / Berlin

Wir werden noch kleiner
Anke Wollanik

Bio-Apfelhof Müller

Adresse
Dorfstr. 1, 15345 Altlandsberg
Termin
Do., 8. Oktober14–16 Uhr
Stand
Haus der Land- und Ernährungs­wirtschaftClaire-Waldoff-Str. 7, 10117 Berlin
Presse
Anke Wollanik
„Wir dürfen nicht nachrechnen, was wir für einen Stundenlohn haben.“

Anke Wollanik führt gemeinsam mit ihrer Tochter Cathleen Schirmer den Bioapfelhof Müller in Wesendahl. Ihre Eltern haben den Betrieb 1992 gegründet, sie selbst arbeitet seit 1994 dort, ihre Tochter seit 2007. Äpfel sind heute die Hauptkultur, dazu kommen Birnen und Zwetschen. 2019 stellte der Hof auf Bio um. Seitdem hat sich vieles verändert – vor allem eines: Die bewirtschaftete Fläche wird immer kleiner.

„Wir werden auch weiter reduzieren“, sagt Wollanik. „Das steht für uns fest.“ Schon die Erdbeeren hat der Betrieb nach 25 Jahren aufgegeben. Auch den klassischen Handel beliefert er kaum noch. Früher gingen Äpfel an Edeka und auf den Berliner Großmarkt. Heute setzt Wollanik vor allem auf Hofladen und Selbstpflücke. Der Grund ist einfach: „Der Handel verzichtet ja auf keine Marge, sondern das wird von uns erwartet.“ Mit den Preisen, die dort bezahlt werden, ließen sich die steigenden Kosten kaum noch auffangen.

Besonders der Mindestlohn macht ihr Sorgen. Bio-Obstbau bedeutet viel Handarbeit. Unkraut wird teilweise noch von Hand unter den Bäumen entfernt. Saisonkräfte werden gebraucht, zugleich müssen erfahrene Mitarbeiter deutlich mehr verdienen als kurzfristige Erntehelfer. „Das treibt die Löhne so dermaßen in die Höhe“, sagt Wollanik. Wenn diese Entwicklung weitergehe, könne sie sich kaum vorstellen, wie das noch funktionieren solle.

Auch die Direktvermarktung ist kein Selbstläufer. Kunden fahren nicht selbstverständlich 30 Kilometer für Äpfel auf den Hof. Also muss der Betrieb etwas bieten. Fast jedes Wochenende gibt es Veranstaltungen, Menschen müssen organisiert und bezahlt werden. „Wir dürfen nicht nachrechnen, was wir selber für einen Stundenlohn haben“, sagt Wollanik.

Dazu kommen Zertifizierungen, Qualitätsmanagement, steigende Sozialabgaben und immer neue Auflagen. Große Betriebe können dafür eigene Mitarbeiter beschäftigen. Auf einem kleineren Hof bleibt vieles an wenigen Menschen hängen. Auch der Pflanzenschutz im Bioanbau wird schwieriger. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an makellose Ware. Ein winziger Fleck am Apfel kann reichen, damit die Frucht nicht mehr als Tafelobst vermarktet wird.

Wollanik ärgert besonders, dass der Handel diese Ansprüche häufig mit den Wünschen der Verbraucher begründet. Ihre Erfahrung im Hofladen ist eine andere: Wenn man Menschen erklärt, warum ein Apfel einen Schönheitsfehler hat, akzeptieren viele das sehr wohl.

Und dann ist da die Zukunft. Cathleen arbeitet seit fast 20 Jahren im Betrieb. Wird sie ihn eines Tages weiterführen können? Anke Wollanik und Cathleen Schirmer wünschen es sich …

Niedersachsen

Wenn Lebensmittelproduktion zur Show wird
Dirk Zabel

Obstplantage Zabel

Adresse
Linderter Str. 47, 30974 Wennigsen (Deister)
Termin
Do., 8. Oktober13–14 Uhr
Stand
Landtag HannoverHannah-Arendt-Platz (vor dem Landtag), Hannover
Presse
Dirk Zabel
„Das ist nachher keine Nahrungsmittelproduktion mehr, das ist Show!“

Dirk Zabel ist Obstbauer in Wennigsen am Deister. Dritte Generation, Vater von fünf Kindern. Er ist auf dem Betrieb seiner Eltern groß geworden, hat Gartenbau studiert, später rund 200 Obstbaubetriebe beraten und viele Jahre an neuen Apfel- und Birnensorten mitgearbeitet. Heute steht er selbst voll im eigenen Betrieb – und sagt trotzdem: „Ich führe meinen Betrieb aktuell mit dem Gedanken, dass keines meiner fünf Kinder weitermachen wird.“

Dabei ist Zabel alles andere als resigniert. Aber er sieht, wie sich die Bedingungen verschärfen. Besonders hart trifft es Kulturen mit hohem Handarbeitsanteil. Erdbeeren, Himbeeren und Süßkirschen brauchen viele Arbeitsstunden. Steigen die Löhne, schlagen die Kosten sofort durch. „Wenn die Arbeit hier zu teuer wird, wird sie woanders gemacht oder gar nicht mehr.“

Bei Himbeeren hat Zabel die Fläche bereits massiv reduziert. Statt klassischer Ernte setzt er stärker auf Selbstpflücke und Veranstaltungen. Doch er sagt selbst: „Das ist nachher keine Nahrungsmittelproduktion mehr, das ist Show!“ Am Wochenende kommen Besucher, trinken Kaffee, machen Fotos. Am Montag liegen wieder marokkanische Himbeeren im Einkaufswagen.

Auch bei Erdbeeren wird die Grenze sichtbar. Eine Schale kostet schnell fünf Euro – oft bei nur noch 400 Gramm Inhalt. Zabel fragt sich als Vater selbst: „Wie soll ich meine fünf Kinder Erdbeeren essen lassen?“ Regional, gesund und heimisch soll es sein. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten immer weiter.

Wie brutal der Markt sein kann, hat Zabel gerade bei seinen Äpfeln erlebt. 15 Tonnen Äpfel bester Qualität landeten in der Biogasanlage. Sie waren ein Jahr gelagert worden, Kühlstrom inklusive. Am Ende wollte nicht einmal die Mosterei sie noch haben. „Äpfel bester Qualität wegzuschmeißen – das habe ich so noch nie gemacht.“

Gleichzeitig wächst der Ausschuss. Pflanzenschutzmittel fallen weg, Insekten schädigen mehr Früchte, die Lohnkosten steigen trotzdem. Hinzu kommen Klimawandel, Wasserknappheit, Spätfrost, Hagel und Sonnenbrand. „Irgendwann ist die Summe der vielen Einzelbausteine erdrückend.“

Was Zabel besonders stört: Heimisches Obst konkurriert mit Importware, die unter völlig anderen Arbeits- und Produktionsbedingungen erzeugt wird. Himbeeren aus Marokko stehen im selben Regal wie deutsche Ware. „Das fühlt sich ungerecht an.“

Zabel wird seinen Betrieb weiter verändern und anpassen. Aber seine eigentliche Frage reicht weit über den eigenen Hof hinaus: Wollen wir heimisches Obst tatsächlich erhalten – oder akzeptieren wir, dass immer mehr Produktion verschwindet und aus Landwirtschaft irgendwann nur noch Erlebnis, Hofcafé und Wochenendprogramm wird?

Westfalen-Lippe

Wie soll man da mithalten?
Philip Dellbrügge

Obstbau Dellbrügge

Adresse
Sandweg 9, 49477 Ibbenbüren
Termin
Do., 8. Oktober12.15–13.30 Uhr
Stand
Landtag DüsseldorfLandtagswiese vor der Landtagstreppe, Stromstr. 20, 40221 Düsseldorf
Presse
Philip Dellbrügge
„In den vergangenen Jahren war ich mir nicht mehr sicher, ob das bis zur Rente noch funktioniert.“

Philip Dellbrügge ist 32 Jahre alt. Obstbauer in Ibbenbüren. Verheiratet, drei kleine Kinder. Gerade übernimmt er Schritt für Schritt den Hof seiner Eltern. Für ihn war immer klar: Er will diesen Betrieb weiterführen. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich. „In den vergangenen Jahren war ich mir nicht mehr sicher, ob das bis zur Rente noch funktioniert.“

Dabei hat Dellbrügge alles, was man eigentlich braucht: Ausbildung im Obstbau, ein Gartenbaustudium, Erfahrung, einen breit aufgestellten Betrieb. Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Kirschen, Zwetschen, Äpfel und Birnen wachsen auf dem Hof. Das Problem ist nicht, das Obst zu erzeugen. Das Problem ist, es zu vernünftigen Preisen zu verkaufen.

Bei Himbeeren ist Dellbrügge im Handel praktisch raus. Selbst während der deutschen Saison liegt dort weiter Ware aus Spanien, Portugal oder Marokko. Mit deren Preisen kann er nicht mithalten. Also hat er reagiert. Die Himbeerfläche wurde so stark reduziert, dass fast nur noch für den Hofverkauf produziert wird. Bei den Erdbeeren geht es in dieselbe Richtung. Die Fläche ist bereits ungefähr halbiert. Und Dellbrügge rechnet damit, weiter reduzieren zu müssen.

Der Grund: Die Kosten steigen. Vor allem die Löhne. Die Preise, die er dafür eigentlich erzielen müsste, bekommt er im Handel häufig nicht. Und dann beginnen die Diskussionen. „Wenn ich über die Marktzentrale bestelle, bekomme ich die Ware viel günstiger“, hört Dellbrügge von Marktleitern. Dann erklärt er, dass seine Erdbeeren morgens gepflückt und wenige Stunden später geliefert werden. Dass Importware oft schon mehrere Tage unterwegs ist. Dass bei Kirschen nicht jede Qualität mit jeder vergleichbar ist. Manchmal überzeugt das. Manchmal zählt nur der Preis. Und manchmal kommt er gar nicht erst ins Geschäft.

Bei Äpfeln funktioniert die Belieferung des Einzelhandels noch, weil Dellbrügge einzelne Märkte direkt anfährt. Über die Zentrallager läuft nichts. Doch auch dort kann es passieren, dass eine Aktion dazwischenkommt. Dann heißt es: Diese Woche brauchen wir deine Äpfel nicht. Für einen heimischen Erzeuger bedeutet das: Er kann liefern. Er hat gute Ware. Sie wächst praktisch vor der Haustür. Und trotzdem bleibt sie draußen.

Dellbrügge nennt diese Situation unfair. Denn er konkurriert mit Ware aus Ländern mit anderen Kostenstrukturen und anderen Produktionsbedingungen. Gleichzeitig steigen seine eigenen Kosten weiter. Seine Antwort darauf lautet inzwischen: Rückzug. Nicht aus dem Obstbau. Aber aus Teilen des Handels.

Himbeeren fast nur noch ab Hof. Erdbeeren künftig vielleicht ebenfalls. Andere Kulturen werden überprüft. Die Flächen werden kleiner. Dafür soll die Direktvermarktung wachsen. Und die funktioniert nur, weil die ganze Familie mitzieht. Der Hofverkauf ist kein kleiner Nebenbetrieb. Er wird zunehmend zur Voraussetzung dafür, dass bestimmte Kulturen überhaupt noch angebaut werden können.

Dellbrügge denkt inzwischen sogar über Aprikosen nach. Vor einigen Jahren, sagt er, hätte er über diese Idee noch gelacht. Heute passt sie in seine Strategie: kleinere Mengen, größere Vielfalt, möglichst viel direkt verkaufen.

Das ist keine Geschichte von einem Betrieb, der aufgibt. Es ist die Geschichte eines jungen Obstbauern, der den Hof seiner Familie weiterführen will – und der seine Produktion immer stärker danach ausrichten muss, wo er überhaupt noch eine Chance hat, einen auskömmlichen Preis zu bekommen.

Philip Dellbrügge will weitermachen. Aber immer häufiger stellt sich für ihn die Frage: Wie soll heimisches Obst unter diesen Bedingungen im Wettbewerb noch mithalten?

Thüringen

Wir planen nur noch von einem Jahr zum nächsten
Wilhelm Schäfer

Kindelbrücker Obstbau e.G.

Adresse
Am Pfortenstieg 8 a, 99638 Kindelbrück
Termin
Fr., 2. Oktober
Stand
LandesgartenschauLeinefelde-Worbis
Presse
Wilhelm Schäfer
„Wollt ihr denn überhaupt noch deutsches Obst?“

Wilhelm Schäfer ist Vorstand einer Obstbaugenossenschaft in Thüringen. Der Betrieb bewirtschaftet rund 1.000 Hektar, davon etwa 400 Hektar Sonderkulturen: Spargel, Erdbeeren, Süß- und Sauerkirschen, Zwetschen, Äpfel und Hopfen. Schäfer spricht nicht von einzelnen schwierigen Jahren: „In den letzten Jahren schleudert man eigentlich von einer Krise zur nächsten.“

An der Genossenschaft hängen viele Existenzen. Produktion, Lagerung, Sortierung, Verpackung und Vermarktung greifen ineinander. Und der Druck wird von Jahr zu Jahr größer. Obst werde teilweise zu Preisen „verramscht“, zu denen es sich nicht mehr produzieren lasse. Pflanzenschutzmittel brechen weg, Energie und Sprit werden teurer, der Mindestlohn „schießt durch die Decke“. Gleichzeitig zahlt der Lebensmitteleinzelhandel aus Schäfers Sicht nicht die Preise, die nötig wären, um zukunftssicher weiterzuarbeiten.

Für Schäfer ist das längst existenziell. „Wir stehen langsam vor der Entscheidung: Machen wir weiter oder hören wir auf?“ Aufhören will niemand. „Das ist ein toller Beruf“, sagt er. Aber wenn sich damit kein Geld mehr verdienen lasse, bleibe irgendwann keine Wahl. Was einmal verschwunden ist, kommt nicht einfach zurück: Ein Obstbaum liefert nicht im nächsten Jahr wieder volle Erträge.

Besonders bitter ist die fehlende Planungssicherheit. Die Genossenschaft plant praktisch nur noch von einem Jahr zum nächsten. Große Investitionen? Kaum noch möglich. „Ich habe überhaupt keine Sicherheit mehr, ob ich übernächstes Jahr überhaupt noch da bin.“ Selbst bei wichtigen Pflanzenschutzmitteln hängt der Betrieb teilweise an Notfallzulassungen.

Hinzu kommt der Preisdruck des Handels. Schäfer sieht ein Wechselspiel zwischen Politik und Lebensmitteleinzelhandel. Vier große Handelsgruppen hätten enorme Marktmacht. Gleichzeitig fehle es an politischen Rahmenbedingungen, die heimische Sonderkulturen wirklich absichern. Verständnis gebe es oft. Umsetzung deutlich seltener.

Schäfer kämpft deshalb nicht nur für die Kindelbrücker Genossenschaft, sondern als Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau Thüringen für die Betriebe im ganzen Land. Seine Frage ist so einfach wie unbequem: „Wollt ihr denn überhaupt noch deutsches Obst?“

Für ihn geht es längst nicht mehr um ein paar Prozent mehr Erlös. Es geht darum, ob Betriebe investieren, planen und weiter produzieren können – oder irgendwann aufgeben müssen.

Sachsen / Sachsen-Anhalt

Obstfarm Pietzsch & Winkler

Adresse
Zur Quelle 1, 01731 Kreischa-Saida
Termin
Do., 8. Oktober8–10 Uhr
Stand
Theaterplatzvor der Semperoper, 01067 Dresden
Presse
Peter Griesbach

Rheinland

Hat das hier noch eine Zukunft?
Ferdinand Völzgen

Obsthof Völzgen

Adresse
Am Büchel 5, 53173 Bonn
Termin
So., 11. Oktober12.30–13.30 Uhr
Stand
LandesgartenschauForum Landwirtschaft, Langemarckstr. 1, 41460 Neuss
Presse
Ferdinand Völzgen
„Die Leute sollen das Geld verdienen – nur das Produkt muss es hergeben.“

Ferdinand Völzgen führt seinen Obstbaubetrieb in fünfter Generation. Die Familie produziert in Wachtberg bei Meckenheim, verkauft seit fast 50 Jahren direkt ab Hof in Bonn. Eigentlich hatte Völzgen sich schon damit abgefunden, dass nach ihm Schluss sein könnte. Seine beiden Söhne wollten nicht in den Obstbau. Dann studierte seine jüngste Tochter Franziska Gartenbau. Sie ist 23, hat gerade ihren Bachelor abgeschlossen – und möchte den Betrieb weiterführen.

Was für Völzgen eigentlich ein Grund zur Freude sein müsste, macht ihm heute Sorgen. „Wie die augenblickliche Situation im Obstbau sich darstellt, sehe ich das sehr kritisch.“ Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, sagt er, müsse er seiner Tochter vielleicht sagen: „Das hat jetzt keinen Zweck mehr hier in Deutschland.“

Das größte Problem sind für ihn die Erlöse. „Wenn wir für unsere Produkte kein entsprechendes Geld mehr bekommen, dann sind wir am Ende. So einfach ist das.“ Selbst in der Direktvermarktung merkt Völzgen, wie sehr die Menschen inzwischen rechnen müssen. Zum Monatsende werde das Kleingeld aus dem Portemonnaie geholt. Dafür hat er Verständnis. Was nicht funktionieren könne: Preise, die am Ende nicht einmal mehr die Produktionskosten decken.

Der Betrieb hat bereits reagiert. Früher gab es auch Stein- und Beerenobst. Das hat Völzgen nach und nach aufgegeben. Heute konzentriert er sich auf Äpfel und Birnen. Denn in Deutschland, sagt er, könne man unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr günstig produzieren. Der Handel greife deshalb verstärkt zu Ware aus dem Ausland.

Hinzu kommen die Lohnkosten. Völzgen hält einen angemessenen Mindestlohn grundsätzlich für richtig: „Die Leute sollen das Geld verdienen – nur das Produkt muss es hergeben.“ Gleichzeitig wird es schwieriger, Saisonarbeitskräfte zuverlässig zu halten. Dazu kommt eine Bürokratie, die er als „vollkommen aus dem Ruder gelaufen“ bezeichnet.

Auch beim Pflanzenschutz wird die Lage enger. Wirkstoffe verschwinden, Ersatzmittel reichen nach seiner Erfahrung oft nicht aus. Gleichzeitig verlangen Handel und Verbraucher nahezu makelloses Obst. Für Völzgen passt das nicht zusammen: weniger wirksamer Pflanzenschutz auf der einen Seite, immer höhere optische Ansprüche auf der anderen.

Seine Tochter möchte den Betrieb übernehmen. Ferdinand Völzgen würde ihr diesen Weg gerne ermöglichen. Aber genau daran entscheidet sich für ihn inzwischen die Zukunft des heimischen Obstbaus: Lohnt es sich für die nächste Generation überhaupt noch, weiterzumachen?

Hessen

Reicht guter Wille noch aus?
Andreas Klein

Hof Birkenhöhe

Adresse
Schlesierstraße 100, 65205 Wiesbaden
Termin
Sa., 10. Oktober13–14 Uhr
Stand
Mauritiusplatz65183 Wiesbaden
Presse
Andreas Klein
„Der junge Mann will – aber vielleicht kann er am Ende nicht mehr.“

Andreas Klein ist 56 Jahre alt und führt gemeinsam mit seiner Frau Sylvia den Hof Birkenhöhe in Wiesbaden. Die Familie betreibt seit Generationen Landwirtschaft, Klein selbst hat den Betrieb auf Obstbau umgestellt. Sein 21-jähriger Sohn studiert Gartenbau mit Fachrichtung Obst – eigentlich die ideale Voraussetzung für eine Hofnachfolge.

Eigentlich.

Denn Klein weiß heute nicht, ob sein Sohn den Betrieb überhaupt einmal übernehmen kann. „Wenn der Betrieb nicht mehr funktionieren sollte, hast du mit einem abgeschlossenen Studium wenigstens andere Möglichkeiten“, hat er ihm gesagt. Genau darin liegt für ihn die Unsicherheit: Ein junger Mann will in den Obstbau – und gleichzeitig muss die Familie darüber nachdenken, ob es vernünftig ist, ihn diesen Weg überhaupt gehen zu lassen.

Dabei gehört der Hof Birkenhöhe eher zu den Betrieben, die vieles richtig gemacht haben. Seit 25 Jahren arbeitet Klein mit festen regionalen Einzelhändlern zusammen. Eine Selbstpflückanlage auf zweieinhalb Hektar funktioniert hervorragend und hilft, Erntekosten zu sparen. Doch Klein sagt selbst: Diese Möglichkeit hat nicht jeder. In anderen Regionen würde das Modell kaum funktionieren.

Und auch bei ihm steigt der Druck. Die Lohnkosten wachsen, die Sozialabgaben ebenso. „Wenn ich sehe, was jedes Jahr bei uns in der Buchführung dafür an Löhnen steht, dann wird einem schon schwindlig.“ Gleichzeitig können deutsche Betriebe beim Preisdruck im Handel nicht beliebig mitgehen. Klein sagt klar: Es gibt eine Untergrenze. Wenn der Preis darunter fällt, „dann sind wir einfach raus“.

Hinzu kommen Kosten, die sich kaum vermeiden lassen. Klein hat in den vergangenen zehn Jahren massiv in den Klimawandel investiert: Wasserrückhaltebecken, Hagelschutznetze, Schutz vor Sonnenbrand. Rund 60 Prozent seiner Flächen sind inzwischen durch Netze geschützt. Dazu kommen Sorgen um den Pflanzenschutz. Wenn wichtige Wirkstoffe fehlen, sagt Klein, fehlen irgendwann schlicht die Grundlagen für die Produktion.

Besonders frustrierend ist für ihn der Umgang mit der Politik. Aus vielen Gesprächen gehe man mit gemischten Gefühlen heraus: „Man kriegt immer gesagt: Ja, wir sind bei euch und wir verstehen das alles – aber man sieht keine Handlung.“

Klein hat einen gut aufgestellten Betrieb. Er hat investiert, vermarktet regional und versucht, sich anzupassen. Trotzdem sagt er über seinen Sohn: „Der junge Mann will – aber vielleicht kann er am Ende nicht mehr.“

Genau das ist für ihn die entscheidende Frage: Was nützt ein möglicher Hofnachfolger, wenn die Bedingungen fehlen, unter denen er überhaupt noch Obst produzieren kann?

Bayern

Vier Stunden bis zum Kühllager
Marinus Niederthanner

Niederthanner

Adresse
Nußdorf am Inn bei Rosenheim
Termin
N.N.N.N.
Stand
N.N.
Presse
Marinus Niederthanner
„Da muss man doch mal froh sein, dass ein Junger so etwas noch einmal anfängt.“

Marinus Niederthanner ist 26 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seine Eltern haben den Betrieb in Nußdorf am Inn im Jahr 2000 auf Pachtflächen aufgebaut. Niederthanner selbst entschied sich nach dem Abitur für den Obstbau, machte seine Ausbildung und schloss 2025 die Meisterschule ab. Seit 2020 führt er zusätzlich einen eigenen Betriebszweig. Heute wachsen auf dem Betrieb Erdbeeren, Äpfel, Birnen und Gemüse.

Eigentlich könnte die Geschichte eine Erfolgsgeschichte sein. Die Vermarktung läuft gut. Regionale Edeka- und Nahkauf-Märkte nehmen die Ware gerne, Niederthanner könnte nach eigener Einschätzung problemlos deutlich mehr produzieren. Bei Äpfeln erzielt er gute Preise. „Wir könnten viel mehr bei uns in der Region beliefern.“

Doch genau das darf er praktisch nicht.

Das größte Problem des jungen Betriebs ist nicht der Absatz, sondern die fehlende eigene Fläche. Der gesamte Betrieb basiert auf Pachtland. Deshalb bekommt Niederthanner keine Genehmigung für das Gebäude, das er dringend braucht: Kühllager, Unterkünfte für Saisonarbeitskräfte und Betriebsleiterwohnung unter einem Dach. Weil keine Eigenfläche vorhanden ist, werde ihm sinngemäß unterstellt, der Betrieb könne „eh nur Hobby“ sein.

Die Folgen sind absurd. Seine Ernte fährt Niederthanner derzeit mit Traktor und Hänger bis zu viereinhalb Stunden weit zu Verwandten, um sie dort einzulagern. Reicht der Platz nicht, geht die Ware per Lkw noch weiter bis an den Bodensee. Später werden kleinere Mengen wieder zurückgeholt. „Totaler Wahnsinn“, sagt Niederthanner selbst.

Dabei könnten die Äpfel direkt in der Region verkauft werden. Statt Ware aus Chile, Südafrika, Neuseeland oder Italien könnte mehr Obst aus Oberbayern in den Regalen liegen. Doch der Betrieb kann nicht wachsen, weil die nötige Infrastruktur nicht genehmigt wird.

Um überhaupt eine Chance auf die sogenannte Privilegierung zu bekommen, versucht Niederthanner nun, eigene Fläche zu kaufen. Landwirtschaftlicher Boden kostet in seiner Region rund 25 bis 30 Euro pro Quadratmeter. Rund 300.000 Euro müsse er dafür investieren – im Wesentlichen, damit er anschließend bauen darf. „Da muss man doch mal froh sein, dass ein Junger so etwas noch einmal anfängt“, sagt er. Stattdessen fühle er sich „zu 0,0 Prozent unterstützt“.

Und die nächsten Probleme warten bereits. Niederthanner sorgt sich um immer weniger verfügbare Pflanzenschutzwirkstoffe. Auch den Klimawandel spürt er längst: In einer Region mit normalerweise hohen Niederschlägen ist Bewässerung inzwischen notwendig. Ein eigener Brunnen sei eine der besten Investitionen der vergangenen Jahre gewesen.

Niederthanner will wachsen. Die Kunden wollen seine Produkte. Die Märkte wollen seine Ware. Was ihm fehlt, ist nicht die Nachfrage – sondern die Erlaubnis, seinen Betrieb vernünftig weiterzuentwickeln.

Baden-Württemberg

Der schönste Beruf der Welt – aber wie lange noch?
Birgit Locher

Obsthof Locher

Adresse
Linden 13, 88285 Bodnegg
Termin
Do., 8. Oktober10–11.30 Uhr
Stand
Obsthof BernhardBerger Str. 16, 88079 Kressbronn
Presse
Birgit Locher
„Ich habe das Land, ich habe die Kosten, ich trage das Risiko – und was bleibt mir?“

Für Birgit Locher war Landwirtin lange Zeit der „schönste Beruf der Welt“. Sie hat Agrarwirtschaft studiert und den elterlichen Hof in Oberteuringen übernommen. Obstbau, Ackerbau, Tierhaltung – Landwirtschaft gehört seit ihrer Kindheit zu ihrem Leben. Und sie arbeitet noch immer gern. Doch ihre Zuversicht ist kleiner geworden.

„Es stört Sie doch nicht, wenn ich den Stapler anmache“, sagt sie während des Gesprächs. Pause ist gerade nicht. Eigentlich ist selten Pause. Und genau da beginnt für Locher das Problem. Wenn sie ihre Arbeitsstunden zusammenzähle und dagegenhalte, was am Ende übrigbleibt, komme sie selbst kaum auf den Mindestlohn. Dabei trägt sie das volle unternehmerische Risiko. „Ich habe das Land, ich habe die Kosten, ich trage das Risiko – und was bleibt mir?“

Die Kosten sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Kraftstoff, Energie, Wasser, Dünger, Pflanzenschutz, Arbeitskräfte. Gute Arbeit müsse gut bezahlt werden, sagt Locher. Aber die Rechnung müsse am Ende auch für denjenigen aufgehen, der das Obst produziert. Tut sie das nicht, versteht sie inzwischen sehr gut, warum Landwirte sich als „Restgeldempfänger“ der Kette bezeichnen: Was Handel und andere Beteiligte beanspruchen, steht fest. Der Erzeuger bekommt, was übrigbleibt.

Besonders widersprüchlich findet Locher den Umgang mit Regionalität. Politik und Gesellschaft fordern heimische Lebensmittel und kurze Wege. Gleichzeitig steigen die Anforderungen und Produktionskosten so stark, dass regionale Erzeuger mit günstigerer Importware nicht mehr mithalten können. Im Supermarkt entscheidet nämlich häufig der Preis.

Locher macht den Verbrauchern daraus keinen Vorwurf. „Die haben selber mit steigenden Preisen zu kämpfen.“ Natürlich greife jemand zum Sonderangebot, wenn das Geld knapp ist. Aus der Verantwortung entlässt sie die Verbraucher deshalb aber nicht. Wer regionale Landwirtschaft erhalten will, müsse auch beim Einkauf darauf achten, woher die Produkte kommen. Umso wichtiger sei es zugleich, dass heimisches Obst im Handel überhaupt erkennbar und wertig angeboten werde. Wenn Äpfel nur noch als „rote Äpfel“ erscheinen – allenfalls ergänzt um Herkunftsangaben wie Deutschland oder Deutschland/Italien –, verschwindet aus ihrer Sicht genau das, was regionale Produktion ausmacht.

Locher erwartet deshalb von der Politik Rahmenbedingungen, unter denen heimische Betriebe ihre Kosten erwirtschaften können. Nicht mehr Schutz vor Wettbewerb, aber gleiche Produktionsbedingungen – und damit faire Bedingungen. Denn Regionalität zu fordern und gleichzeitig Bedingungen zu schaffen, unter denen regionale Produkte immer schwerer wirtschaftlich produziert werden können, passt für sie nicht zusammen.

Vor einigen Jahren blickte sie noch deutlich optimistischer auf die Zukunft ihres Berufs. Heute sagt sie, sie wisse nicht mehr, wie es mit dem Obstbau weitergehen soll. Das ist vielleicht die bedrückendste Veränderung: Nicht die Arbeit hat für Birgit Locher ihren Wert verloren. Sie fragt sich, ob sich diese Arbeit in Zukunft überhaupt noch rechnen kann.

Fragen und
Antworten

Warum sprechen wir von einem Fünftel? Welche Rolle spielen Importe? Warum ist Saisonarbeit für den Obstbau so wichtig? Und was muss sich aus Sicht der Obstbaubetriebe ändern?

Hier erklären wir Zahlen, Hintergründe und Zusammenhänge.

  • Was bedeutet „Ein Fünftel ist nicht genug“?

    Der Selbstversorgungsgrad bei Obst liegt in Deutschland bei rund 18 Prozent. „Ein Fünftel“ bringt diese Größenordnung auf einen einfachen Nenner. Unsere Botschaft: Wir wollen, dass Obst aus heimischem Anbau auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielt.

  • Sind in dieser Rechnung auch Bananen und andere Südfrüchte enthalten?

    Zum Teil. Bananen gehören zur Obstbilanz, Zitrusfrüchte werden separat erfasst. Bei unseren deutschen Hauptobstarten Apfel, Birne, Erdbeere, Heidelbeere, Kirsche und Zwetsche liegt der Selbstversorgungsgrad zwischen 50 und 20 % – mit sinkender Tendenz. Die entscheidende Frage lautet: Wollen wir künftig auch beim Obst immer stärker von Importen abhängig sein?

  • Ist der Obstbau in Deutschland tatsächlich gefährdet?

    Ja. Der Strukturwandel ist deutlich. Die Zahl der Betriebe mit Baumobstanbau sank zwischen 2017 und 2022 von 7.167 auf 6.510. Die Bundesfachgruppe Obstbau warnt inzwischen, dass etwa alle zwei Tage ein Obstbaubetrieb verschwindet. Nicht jeder Betrieb ist gleichermaßen betroffen. Aber immer mehr Betriebe geben auf, Flächen werden reduziert und Investitionen verschoben.

  • Was setzt die Betriebe unter Druck?

    Mehrere Faktoren kommen zusammen:

    • hohe Arbeits- und Produktionskosten (der Mindestlohn, für den die meisten Saisonarbeitskräfte arbeiten, hat sich in den vergangenen 10 Jahren fast verdoppelt)
    • Preisdruck im internationalen Wettbewerb
    • zunehmende Probleme beim Pflanzenschutz
    • Wetterextreme und Klimaanpassung
    • Bürokratie und langwierige Verfahren
    • hoher Investitionsbedarf

    Entscheidend ist nicht eine einzelne Belastung. Es ist ihre Summe.

  • Welche Rolle spielt die internationale Konkurrenz?

    Heimisches Obst und importierte Früchte liegen im selben Regal. Produziert werden sie jedoch teilweise unter sehr unterschiedlichen Bedingungen – etwa bei Löhnen, Sozialabgaben, Produktionsvorgaben oder Klima.

    Wir fordern keine Abschottung und keine Obstversorgung ohne Importe. Wir wollen Bedingungen, unter denen heimische Betriebe im Wettbewerb bestehen können.

  • Warum können die Betriebe ihre höheren Kosten nicht einfach über den Preis weitergeben?

    Weil ein notwendiger Preis noch kein erzielbarer Preis ist. Handel und Verbraucher können zwischen unterschiedlichen Herkünften wählen. Gleichzeitig ist Obst verderblich. Ein Betrieb kann mit reifen Erdbeeren oder Kirschen nicht wochenlang auf einen besseren Preis warten.

    Die Kosten stehen fest. Ob der Markt sie bezahlt, ist eine andere Frage.

  • Bedeutet eine gute Ernte nicht, dass es den Betrieben gut geht?

    Nein. Eine volle Ernte sagt noch nichts darüber aus, was nach Abzug der Kosten übrigbleibt.

    Treffen große Mengen auf niedrige Preise, kann eine gute Ernte wirtschaftlich sogar problematisch werden. Volle Bäume bedeuten nicht automatisch volle Betriebskassen.

  • Warum ist Saisonarbeit für den Obstbau so wichtig?

    Weil sich viele Arbeiten kaum automatisieren lassen. Besonders während der Ernte brauchen die Betriebe für kurze Zeit viele zusätzliche Arbeitskräfte.

    Äpfel, Kirschen, Beeren oder Zwetschen müssen vielfach von Hand geerntet werden. Fehlen Arbeitskräfte – oder wird ihre Beschäftigung wirtschaftlich nicht mehr tragfähig –, trifft das unmittelbar die Produktion.

  • Welche Rolle spielt der Mindestlohn?

    Er ist ein sehr wichtiger Kostenfaktor, aber nicht das einzige Problem.

    Seit Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 Euro pro Stunde, ab Januar 2027 sind es 14,60 Euro. Damit hat sich der Mindestlohn in den vergangenen 10 Jahren verdoppelt, seit 2021 ist er um 46 % gestiegen. In einem arbeitsintensiven Bereich wie dem Obstbau schlägt diese Entwicklung besonders stark zu Buche.

  • Was fordert der Obstbau bei Saisonarbeitskräften?

    Die Bundesfachgruppe Obstbau fordert eine klar abgegrenzte Sonderregelung für kurzfristig beschäftigte Saisonarbeitskräfte. So wird vorgeschlagen, die Lohnuntergrenze zunächst bei 13,90 Euro einzufrieren und sie später an 80 Prozent des allgemeinen Mindestlohns zu koppeln.

    Solange es keine gesetzliche Neuregelung gibt, gilt selbstverständlich der allgemeine Mindestlohn von derzeit 13,90 Euro.

  • Wäre eine niedrigere Lohnuntergrenze gegenüber Saisonarbeitskräften fair?

    Eine eingefrorene gesetzliche Untergrenze würde zunächst bedeuten, dass Saisonarbeitskräfte von Lohnsteigerungen nicht profitieren. Diesen Zielkonflikt darf man nicht verschweigen. Es geht aber auch darum, die Arbeitsplätze für Saisonarbeitskräfte zu erhalten. In den anderen Obstregionen Europas wird deutlich weniger gezahlt.

    Aus Sicht des Obstbaus müssen deshalb zwei Dinge zusammenkommen: wirtschaftlich tragfähige Betriebe und faire, verlässliche Arbeitsbedingungen. Eine Regelung, die Arbeitskräfte abschreckt oder ihren Schutz unangemessen schwächt, würde ihr Ziel verfehlen.

  • Was muss bei Saisonarbeit außerdem verbessert werden?

    Es geht nicht nur um Lohnkosten. Betriebe brauchen ausreichend Arbeitskräfte und klare Regeln, unter denen sie diese rechtssicher beschäftigen können.

    Für landwirtschaftliche Betriebe gilt bei kurzfristiger Beschäftigung seit 2026 eine Zeitgrenze von bis zu 15 Wochen beziehungsweise 90 Arbeitstagen. Auch Fragen der Sozialversicherung und der Beschäftigung von Arbeitskräften aus Drittstaaten bleiben für die Betriebe wichtig.

  • Warum ist Pflanzenschutz ein Zukunftsthema?

    Obst muss gegen Krankheiten und Schädlinge geschützt werden. Fallen wirksame Verfahren weg, ohne dass Alternativen zur Verfügung stehen, steigen Ernte- und Qualitätsrisiken.

    Es geht nicht um weniger Umwelt- oder Verbraucherschutz. Es geht um praxistaugliche Lösungen: Vorbeugung, biologische und technische Verfahren und – wo notwendig – wirksame zugelassene Pflanzenschutzmittel.

  • Welche Rolle spielen Wetter und Klimawandel?

    Spätfrost kann Blüten zerstören, Hagel Früchte unverkäuflich machen, Hitze Sonnenbrand verursachen und Trockenheit Erträge mindern. Diese Extremwetterereignisse nehmen durch den Klimawandel stark zu.

    Schutznetze, Bewässerung oder Frostschutz können helfen. Aber sie kosten Geld. Wer Betriebe widerstandsfähiger machen will, muss ihnen auch Investitionen ermöglichen.

  • Warum sind Investitionen und Hofnachfolge so wichtig?

    Eine Obstanlage wird für viele Jahre angelegt. Neue Bäume brauchen Zeit, bis sie nennenswerte Erträge bringen. Auch Automatisierung, Bewässerung und Schutzsysteme sind langfristige Investitionen.

    Wer einen Betrieb übernimmt, muss deshalb wissen: Kann ich davon leben? Kann ich investieren? Hat dieser Betrieb in zehn Jahren noch eine Perspektive?

  • Ist Bürokratie wirklich ein wirtschaftliches Problem?

    Kontrollen und Dokumentation gehören zu einem modernen Lebensmittel- und Arbeitsschutz. Problematisch werden unnötige Doppelarbeit, komplizierte Verfahren und lange Wartezeiten auf Entscheidungen.

    Gerade kleinere Familienbetriebe haben keine eigene Verwaltungsabteilung. Zeit am Schreibtisch ist Zeit, die im Betrieb fehlt.

  • Drohen uns bald leere Obstregale?

    Nein. Darum geht es nicht. Deutschland wird auch künftig Obst importieren.

    Volle Regale können aber darüber hinwegtäuschen, dass heimische Produktionsmöglichkeiten verschwinden. Auch wenn weiterhin Äpfel im Supermarkt liegen, kann die Zahl der deutschen Betriebe sinken.

    Die Frage lautet deshalb nicht: Gibt es morgen überhaupt noch Obst? Sondern: Wie viel davon wollen und können wir künftig noch selbst erzeugen?

  • Was können Handel und Verbraucher tun?

    Der Handel kann durch verlässliche Abnahmebeziehungen und eine angemessene Berücksichtigung der Produktionskosten beitragen. Verbraucher können heimisches und saisonales Obst bewusst nachfragen, soweit ihr Budget das zulässt.

    Aber die Verantwortung darf nicht allein an der Ladenkasse landen. Entscheidend sind Rahmenbedingungen, unter denen heimischer Obstbau wirtschaftlich möglich bleibt.

  • Was muss sich aus Sicht des Obstbaus ändern?

    Die Bundesfachgruppe fordert vor allem:

    • wettbewerbsfähige Bedingungen für Saisonarbeit
    • weniger unnötige Bürokratie
    • praxistaugliche Lösungen beim Pflanzenschutz
    • verlässliche Bedingungen für Investitionen und Klimaanpassung
    • faire Chancen im Wettbewerb und im Absatz

    Denn was heute verschwindet, lässt sich morgen nicht einfach wieder aufbauen.

Pressemitteilung

Berlin, 7. Oktober 2026

PRESSEMITTEILUNG

Ein Fünftel ist nicht genug

Unser Obst. Unsere Zukunft. Faire Bedingungen.

Fünf Obstkisten. Eine ist voll. Vier bleiben leer. Mehr braucht es eigentlich nicht, um zu zeigen, was im deutschen Obstbau schiefläuft. Nur noch rund ein Fünftel des Obstes, das in Deutschland gegessen wird, stammt aus heimischem Anbau. Und wenn sich an den wirtschaftlichen Bedingungen nichts ändert, könnte es bald noch weniger sein.

Deshalb gehen Deutschlands Obstbauern zum Erntedank an die Öffentlichkeit.

Am 8. Oktober und rund um diesen Termin finden in Berlin und zahlreichen Regionen Deutschlands Aktionen der Bundesfachgruppe Obstbau und ihrer Landesverbände statt. Überall dasselbe Bild: Fünf Obstkisten, vier leer, eine gefüllt. An den Ständen stehen Obstbäuerinnen und Obstbauern mit ihren Familien Rede und Antwort. Sie berichten, was steigende Kosten und wachsender Wettbewerbsdruck für ihre Betriebe bedeuten.

Hohe Standards in Deutschland – aber kein fairer Wettbewerb

Deutsche Obstbaubetriebe produzieren nach hohen Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards. Sie zahlen deutsche Löhne und tragen deutsche Energie-, Investitions- und Produktionskosten. Gleichzeitig konkurrieren sie mit Obstanbietern aus Ländern, in denen unter deutlich anderen Kostenbedingungen produziert wird.

Das ist kein fairer Wettbewerb.

Die arbeitsintensiven Kulturen sind besonders hart betroffen: Äpfel pflücken, Erdbeeren ernten, Kirschen lesen, Bäume schneiden, Früchte sortieren – vieles davon lässt sich nicht automatisieren. Steigende Arbeitskosten schlagen deshalb unmittelbar durch. Faire Bezahlung steht dabei nicht zur Debatte.

Die hohen Produktionsstandards in Deutschland dürfen nicht dazu führen, dass ausgerechnet die heimische Produktion aus dem Markt gedrängt wird.

Viel wurde versprochen – jetzt geht es um die Umsetzung!

Die Bundesfachgruppe Obstbau hat in den vergangenen Wochen mit zahlreichen Bundestagsabgeordneten gesprochen. Über Parteigrenzen hinweg wurde Unterstützung für den heimischen Obstbau signalisiert. Auch der Koalitionsvertrag der Bundesregierung nennt ausdrücklich das Ziel, den Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse zu erhöhen. Diese Versprechen allein helfen den Obstbäuerinnen und Obstbauern aber nicht.

Nun kommt es darauf an, dass aus den politischen Absichtserklärungen konkrete Verbesserungen für die Betriebe hervorgehen.

Die Bundesfachgruppe Obstbau hat deshalb gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband, dem Zentralverband Gartenbau, dem Deutschen Raiffeisenverband und anderen Verbänden der grünen Branche der Politik ein Maßnahmenpaket vorgeschlagen. Entlastungen für die Obstbaubetriebe würden unter anderem Sonderregelungen beim Mindestlohn für Saisonarbeit, steuerliche Entlastungen für besonders arbeitsintensive Betriebe, eine Risikoausgleichsrücklage, praxistaugliche Regelungen für Saisonarbeitskräfte aus Drittstaaten sowie mehr Rechtssicherheit bei der sozialversicherungsfreien Beschäftigung bringen.

Entscheidend ist: Die Entlastung muss spürbar sein, schnell wirken und bei den Betrieben ankommen.

Regionalität braucht Obstbauern

Deutschland redet viel über Regionalität, Nachhaltigkeit, kurze Wege und Versorgungssicherheit. Aber Regionalität darf kein Wort für Sonntagsreden bleiben.

Wer heimisches Obst will, muss auch dafür sorgen, dass es hier wirtschaftlich erzeugt werden kann.

Wenn ein Obstbaubetrieb aufgibt, verschwinden Arbeitsplätze, Fachwissen, regionale Wertschöpfung und über Generationen gewachsene Strukturen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Importen. Denn eine gerodete Obstanlage ist im nächsten Frühjahr nicht wieder da.

Deshalb stellt die Bundesfachgruppe Obstbau mit ihrer Aktion eine einfache Frage:

Wollen wir überhaupt noch heimisches Obst?

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, muss dieses „Ja“ Konsequenzen haben. Faire Löhne, hohe Standards und ein wirtschaftlich tragfähiger Obstbau müssen gleichzeitig möglich sein.

Weil wir auch morgen noch heimisches Obst wollen.